Mein erster Poetry-Slam-Beitrag

16. Oktober 2016

In Berlin durfte ich einem Poetry-Slam-Workshop von Björn Högsdal beiwohnen. Hier der Text, der dabei entstanden ist:

war ja klar

Ich musste nie viel tun für die Schule.

1 in Mathe, Tolles Zeugnis, Gutes Abi – War ja klar.

Natürlich sehnt man sich da nach dem Stolz, den man beim Anblick eines positiv überraschten Gesichts verspüren kann.

Ich will später auf jeden Fall einen künstlerischen Beruf ausüben!

„War ja klar, bist ja schließlich auch Waldorfschüler…“

Achso, Danke!

Muss ich jetzt auch noch jeden Tag drei Bäume umarmen, nur noch demeter-Produkte fressen und damit anfangen mein biologisch-dynamisch angebautes Gras zu rauchen?

„War ja klar, dass der mal so endet…“

 

Hey Leute, ich arbeite jetzt Teilzeit als Drogendealer und verticke meinen Stoff im Eurythmieunterricht 🙂

„War ja klar, dass du beruflich was in die Richtung machst…“

Hey Leute, ich habe mir gerade in die Hose geschissen!

Hey Leute, in meiner Freizeit überfahre ich gerne Entenfamilien!

Hey Leute, ich habe gestern meine Gartenbaulehrerin mit einem Jutebeutel erstickt!

WAR JA KLAR, WAR JA KLAR, WAR JA KLAAR!!!

 

Ab wann ist etwas eigentlich „klar“?

Nach dem fünften guten Zeugnis? Oder nach dem dritten schlechten?

Wie lange muss man ein Instrument spielen, damit die Leute nicht mehr überrascht sind, wenn man zugibt, dass man Musik studieren möchte?

„Hey… was studierst du jetzt eigentlich?“

„Ich fange demnächst an, Komposition zu studieren.“

„War ja klar, dass du was mit Musik machst…“

Wer kreativ arbeitet, klettert aus den Schubladen in den Köpfen anderer Menschen.

Deswegen mache ich ja Musik:

Weil mir die 1 in Geschichte hier nichts bringt,

weil meine selbst gestalteten Gedankenpaläste in ihrer Form und Farbe unendlich sind,

weil ich hier so sein kann, wie ich wirklich bin.

 

Und vielleicht schaffe ich es ja, irgendwann mal, die Leute, die mich glauben gut zu kennen, so zu überraschen, dass wirklich niemand mehr von ihnen sagt:

War ja klar.

ENDE

BONUS

Dieser Text war Teil einer Übung. Wer die Übung herausfindet, kriegt ein Eis:

Stillstand.

Nichts regt sich mehr.

Einzig halb verschüttete Fußabdrücke

zeugen vom Besucher in der Nacht.

Das blasse Schweigen ist verdächtig.

Nur die Dampfmaschine meines Körpers arbeitet noch an diesem hellen Morgen.

Wer war es, der zu später Stund hierher kam, um gleich wieder zu verschwinden?

Jetzt fällt das Himmelspulver nieder und ich ziehe,

in Gedanken bei den Spuren,

müde meine Stiefel aus:

Jonatan allein zuhaus.