Tag der Talente 2016 in Berlin

19. September 2016

Ich muss gestehen, ich habe mich im Vorfeld immer etwas geschämt wenn ich erzählt habe, dass ich nach Berlin zum „Tag der Talente“ fahre. Das ist ungefähr so, als würde ich mit einem riesigen Papppfeil auf mich zeigen lassen und in nasal-arrogantem Tonfall sagen: „Ich bin nämlich ein Talent, jaha!“ …

Aber ich konnte mir den kostenlosen Trip nach Berlin, eine der kühlsten Städte Europas, mit bezahltem Hotel und Workshop-Bespaßung einfach nicht entgehen lassen.

Tag 1

Während der ICE-Fahrt darf ich unter körperlicher Anstrengung erfahren, dass Züge der Deutschen Bahn an bestimmten Bahnhöfen miteinander gepaart oder voneinander getrennt werden können und in unterschiedliche Richtungen weiterfahren. Nach der Ankunft: Fußmarsch zum Hotel, wo eine riesige Menschentraube aus „Talenten“ die Eingangshalle okkupiert.

Nach dem Check-In geht es los mit der BOB-Tour (Berlin On Bike), wobei unsere Gruppe nicht von Bob sondern von Bea durch die Stadt geführt wird. Wegen Demonstrationen (Berlin, meine Damen und Herren) gegen *HierBitteDemonstrationsauslöserEinfügen* muss die BEA-Tour so stark gekürzt werden wie Inglorious Basterds in einer Fassung für Zweijährige.

Ist aber schön, die Taxifahrer fluchen zu hören.

Angekommen in der STATION, werden wir bewirtet. Es gibt einfach ganz ganz viel leckeres Hipster-Essen passend zum Thema. Aber dazu später Meer. Während wir gemütlich an unseren Eichenholztischen sitzen und die Deko aus Papierquallen und Seesternen betrachten, ertönt plötzlich ein Geräusch, das klingt, als hätte jemand mit einem Baseballschläger Wal-los auf die Saiten seiner eingestöpselten E-Gitarre gehauen. Wir essen genervt weiter, bis sich die Ellbogenklänge häufen und als Schiffshorn-Imitation entpuppen. SE SCHAU BEGINNS NAU!

TOP

….finde ich in den folgenden zwei Stunden Bühnenprogramm mit mittelmäßiger Showband: Das Referat von Kai Gipp, einem Physiktalent, der so Dinge sagt wie:

„Ich wurde gebeten, eine Präsentation zu meinem Vortrag anzufertigen, deswegen habe ich in den letzten drei Minuten ein paar Folien zusammengestellt. Achtet aber bitte nicht zu sehr darauf, denn sie haben rein gar nichts mit dem zu tun, was ich euch erzähle.“ (ungefährer Wortlaut – die anderen lustigen Sprüche sind mir leider entfallen)

Und das alles in glösklörem sächsisch und mit Topfhaarschnitt. Klasse!

FLOP

…finde ich in den folgenden zwei Stunden Bühnenprogramm mit mittelmäßiger Showband: Die Gruppenspiele, bei denen unter anderem ein Schwimmflügel in möglichst kurzer Zeit auf einem zuvor durch die Reihen geschlängelten Tau von einem zum anderem Ende des Saals gelangen soll, oder bei dem man BULLSHIT-BINGO mit Worten spielen soll, die der Moderator rein zufällig erwähnt. Ich glaub Meer braucht ihr da nicht zu wissen.

Danach sitzen wir noch ein bisschen nett beisammen und essen „Königsberger Cubes“ oder „Eis wie Schnee“, bis der Korallen-Bus uns abholt und ins Hotel verfrachtet. Dort spiele ich noch ein bisschen Schach, wobei zwischen den Zügen (wie beim Rauchen), über Gott und die Welt diskutiert wird und das Spiel bald nebensächlich erscheint.

Tag 2

Nach einer kurzen Nacht und dem perfekten Frühstücksbuffet geht es los mit den Workshops. Ich habe mir Poetry Slam ausgesucht. Björn Högsdal bringt uns in einigen Stunden dem Schreiben näher und wir machen verschiedene Übungen, bis letztendlich jeder Teilnehmer seinen persönlichen Text verfasst hat und vorträgt. Es sind unglaublich spannende und witzige Sachen dabei, die man von Informatiktalenten oder Sängerknaben nicht erwartet hätte. Meinen Text aus dem Workshop findet ihr hier.

Die Workshop-Vielfalt ist groß. Es gibt Segeln, Siebdruck, Singen, Film, Cartoon, Hörfunk …

Am frühen Abend geht’s wieder in die STATION, wo die einzelnen Workshops ihre Ergebnisse präsentieren. Mit dabei ist wieder die Showband, deren Mitglieder aber anscheinend über Nacht einige Jahre verloren haben, so dass uns eine Kinderband gegenübersteht, deren Sänger anscheinend vor kurzem den Stimmbruch durchgemacht hat.

Aber ein MÄDCHEN am BASS, das finde ich herrlich!

Danach heißt es Party machen mit DJ und Tischtennis, wie es sich gehört. Pünktlich um 22:00 Uhr steht erneut der Abholservice bereit.

Für mich endet der Tag mit intensiven Gesprächen, unter anderem mit Filmemachern aus Hamburg, und einer weiteren Partie Schach.

Tag 3

Der letzte Tag ist ein kurzer Tag, ein halber Tag, so dass sich vielleicht sagen lässt, dass es sich beim Tag der Talente eigentlich um ca. 1,75 Tage handelt.

Wir fahren ins Bundesministerium für Bildung und Forschung und machen erstmal ein chaotisches Gruppenfoto mit Frau Prof. Dr. Wonka.. äh verzeihung… Wanka. Danach wird viel geredet und gedankt, musiziert, gesungen, die Wichtigkeit von uns jungen Leuten unterstrichen, auf die Meeresverschmutzung hingewiesen und Fragen beantwortet. Dann dürfen wir gehen.

Vorher kriegen wir aber noch unser Abschiedsgeschenk (einen echt kühlen Bluetooth-Lautsprecher-Dings) und eine Urkunde. Das war’s.

FAZIT

Ich bin positiv überrascht. Durch die Aufmachung der Flyer und der mir zugeschickten Post mit dem Motto „Meer wollen“ erwartete ich eine verstaubte, langweilige Veranstaltung, die sich mit ein bisschen Dubstepmusik und hipper Wortwahl als jung und modern verkleidet hat.

Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Sowohl die Organisation, als auch die Menschen sind absolut motiviert und zuverlässig und gleichzeitig locker und jugendlich, was eine tolle Atmosphäre schafft.

Ich würde jedem Jugendlichen empfehlen bei solchen Wettbewerben mitzumachen. Die Austauschmöglichkeiten sind gigantisch, mal abgesehen von den Chancen, durch die Welt bzw. Europa bzw. Deutschland reisen zu können.

Tolle Sache!